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Madsen&Möller Büro zur Untersuchung nichtfunktionaler Orte
Zusammenfassung eines Arbeitsgespräches bei ready2capture während der artgenda 2002

Möller: Wir arbeiten an einer architektonischen Methode und haben bereits vor einigen Jahren in Aarhus zusammen gearbeitet. Dort haben wir eine Erforschung/ Kartographie von Nichtorten gemacht, die Überreste oder Zwischenräume sind. Diese Arbeit haben fand auch im Hafengebiet statt.

Madsen: Wir haben versucht, eine theoretische Methode zu entwickeln, die man bei Restrukturierungen auf Hafengegenden anwenden kann. Die Methode ist eine Nachforschung, die sichtbar macht, was bereits da ist und welche Werte am Ort vorhanden sind. Auch hier in Hamburg ist das der Rahmen in dem wir vor Ort arbeiten können. Der erste Schritt ist die Einrichtung eines Büros, wie das, in dem wir jetzt sitzen. Ziel der Forschung ist ein Büro für Nichtorte oder nichtfunktionale Orte, an dem wir Platz haben, das auf dem Gelände eingesammelte Material zu lagern und dann eine wirklich gute Analyse des Materials zu machen. Das Büro ist aber auch eine Art Hauptquartier. Wir lesen und schreiben dort und Besucher sind herzlich dazu eingeladen, uns in unserem Büro zu besuchen und unsere Erfahrungen zu teilen oder mit uns zu diskutieren. Anhand der Analysen wollen wir den Ort verstehen. Dazu müssen wir ihn erstmal finden und aussuchen. Als erstes betrachten wir die politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen und versuchen dann Werte jenseits dieses Rahmens aufzuspüren. Diese Werte können darin gesehen werden, daß die Orte freigesetzt sind oder wie Möller schon sagte, daß sie nicht funktional sind. Die Orte besitzen eine Art Entropie. Durch die Anwendung dieser Methode erhalten wir Ergebnisse und wir möchten Beispiele nennen, wie wir uns eine Fortführung der Werte vor Ort in einem neuen Gebäude vorstellen können. Wir haben Diagramme gemacht, die widerspiegeln, welches Material sich in welchen Anteilen vor Ort befindet und wir schlagen vor diese Materialien in den gleichen Anteilen in einem neuen Gebäude zu verwenden.

Möller: Eine andere Idee ist die Verwendung des Grundrisses eines ehemaligen Gebäudes vor Ort. Dieser Grundriss wird senkrecht aufgestellt und bildet die Grundlage für die Gestaltung der Fassade, so daß der Grundriss im neuen Gebäude sichtbar erhalten bleibt.

Madsen: Bis jetzt haben wir aber noch keine Sponsoren oder reiche Leute gefunden, die uns bei der Umsetzung unterstützen wollen. Deshalb konnten wir die Vorschläge noch nicht realisieren.

Plate: Ihr macht aber tatsächlich konkrete Vorschläge bei Architekten oder Stadtplanern?

Madsen: Ja, aber es ist in diesem Business sehr schwierig mit den Leuten zu sprechen und tatsächlich von Anfang an am Planungsprozeß beteiligt zu sein und Vorschläge für die Bauweise zu machen. Unsere Vorschläge eignen sich auch nicht dafür, Geld mit ihnen zu verdienen, sie stellen die Dinge auf den Kopf .

Haarmann: Ich habe das immer eher als ironische oder provokative Methode verstanden, um darauf aufmerksam zu machen, daß es andere Werte als die offiziell anerkannten gibt. Wenn ihr diese tatsächlichen Vorschläge macht ist das natürlich etwas anderes.

Madsen: Sicher ist da eine Ironie oder besser gesagt eine große Kritik zwischen den Zeilen.

Möller: Unsere Faszination in der Arbeit liegt bei den Plätzen und Orten die im Planungsgebiet schon existieren. Aber wir können uns auch vorstellen, daß wenigstens etwas von ihnen in einer neuen Art und Weise in den neuen Gebäuden fortgeführt wird.

Madsen: Wenn entschieden ist, daß etwas gebaut werden soll, muß man eben auch darüber nachdenken, wie man darauf innerhalb dieser Planung reagieren kann.

Möller: Ja, schließlich gibt es für diese Gegenden meistens die Vorstellung vom vollkommen Neuen.

Madsen: Wir gehen beschreiben jetzt mal die verschiedenen Teile unserer Analyse und tauchen tiefer in die Theorie der Methode ein. Wenn wir eine Hafengegend analysieren hat die Wahrnehmung Vorrang vor der Idee. Die ausgesuchten Orte können am Besten als eine Art Zwischenraum oder Reserve beschrieben werden. Im Gegensatz zum schnellen Stadtleben und dem gut organisierten und rationalen Hafen erscheinen diese Orte als welche an denen man geistig Durchatmen kann. Diesen Orten ist gemeinsam, daß sie zufällig, nicht geplant zwischen Industrie, Straßennetzen und Gebäuden entstehen. Von einem physischen Standpunkt aus könnte man sagen, daß sie über das gesamte Hafengebiet verteilt sind. Leere charakterisiert diese Orte. Eine Abwesenheit, die auf etwas verweist, dass außerhalb dieser Orte liegt. Die umliegenden privaten und öffentlichen Gebäude und die aktuelle Infrastruktur bestimmen die Grenzen dieser Orte. Die Lage und Größe des Ortes entsteht in Anpassung an den Umfang der geplanten Hafenbebauung. Wenn die geographischen Gegebenheiten mit der Ausdehnung des Hafens in Verbindung stehen, dann ist anzunehmen, daß diese Orte durch die Erschließung des brachliegenden Geländes für neue Gebäude verschwinden.

Möller: Diese Orte sind meist Überreste einer ehemaligen Nutzung und es entsteht eine Kluft oder Lücke zwischen diesen alten Nutzungen und dem was dort neu gebaut werden soll.

Willms: Es soll aber nicht möglich sein, darüber nachzudenken.

Plate: Komisch ist doch, daß diese Bauvorhaben ganz häufig mit dem Begriff der >Tradition< werben und argumentieren. Da ist z.B. diese Anzeige an der Baustelle beim Hanseatic Trade Center, die verkündet: „Tradition inbegriffen“. Zusätzlich wird das Maritim Museum geplant, das dann für die Tradition des Gebietes einstehen muß. Es gibt also die Behauptung der Ortsspezifik, man müßte aber genauer untersuchen, wie sie da benutzt wird. Man erzeugt eine Art von Traditionsbündelung in einem Museum und das war’s dann?

Madsen: Die Frage ist doch , ob man das auf etwas drauf setzt, oder ob man das, was da ist tatsächlich integriert.

Markert: Interessieren Sie sich nur für brachliegende Flächen oder denken Sie auch über die Geschichte der Menschen nach, die diese brachliegenden Flächen verlassen haben, damit der Masterplan umgesetzt werden kann? Es gibt ja eine Reihe von Häfen, z.B. in London, in China etc. wo Menschen leben und sich dann der Plan ändert und die Menschen wegziehen müssen. Sind Sie auch an der Geschichte von Leuten und an der Erinnerung an sie und an die Erfahrungen die sie an den Orten gemacht haben, interessiert? Das Material ist die eine Ebene, der Ort ist tot, aber er lebt durch die Erinnerung von Leuten.

Madsen: Wir machen nicht direkt Interviews, das können einige unserer Kollegen hier besser, aber indirekt sehen wir natürlich sehr viele Spuren von Menschen, wenn wir unsere Analyse machen. Wenn man z.B. einen kleinen Weg sieht, der nur entstanden ist, weil dort immer Leute entlang gelaufen sind, weil es eine Abkürzung war. Das ist auch eine Spur von Menschen.

Möller: Diese Orte sind ja extrem gekennzeichnet von der Benutzung durch Menschen.

Madsen: Die Menschen prägen einen Ort sehr stark, auch in dem Material, was wir hier gesammelt haben. Diese Orte entstehen nicht nur dadurch, daß sie Überreste sind, sondern auch dadurch, daß Leute sie benutzen.

Möller: Oft existieren diese Orte schon als Plätze, wo Leute hingehen.

Haarmann: Ich möchte eine provozierende Frage stellen: Wie würdet ihr auf die Frage, ob ihr konservativ seid, reagieren?

Madsen: Du meinst konservieren - konservativ?

Haarmann: Natürlich spielt das mit der doppelten Bedeutung, aber konservativ heißt ja in der Tradition zu bleiben und sie nicht über Bord zu werfen.

Madsen&Nöller: Nein, nein ( Lachen).

Madsen: Ja, vielleicht wollen wir bestimmte Werte erhalten.

Möller: Natürlich kann man sagen, daß es eine Frage dieser Orte ist, sie so zu belassen, wie sie sind und sie in die neue Planung als eine Art Monument einzubauen.

Madsen: Aber wir suchen nach neuen Lösungen. Vielleicht ist das Fundament konservativ, aber...

Möller: Vielleicht fragen wir uns selbst, ob wir konservativ sind und versuchen in der Arbeit Antworten dafür zu finden.

Haarmann: Ein anderer Begriff, den man vielleicht benutzen könnte, wäre die Mimesis, denn eure Vorschläge versuchen , das aufzugreifen was schon da ist und die Mimesis ist ein Konzept, das versucht Dinge zusammen zu führen. So, daß das, was als Neues erscheint sich als Teil des Alten herausstellt.

Madsen: Es ist aber nicht nur eine Mimesis, wir versuchen auch etwas Neues zu finden. Wie war die Frage noch mal?

Markert: Die Frage war, ob ihr in der doppelten Bedeutung des Wortes konservativ seid.

Madsen: Sind wir das?

Möller: Nein.

Madsen: Nein.

(Lachen)

Willms: Seid ihr progressiv?

Madsen: Nein, wenn dann leise progressiv.

Willms: Was wäre, wenn eure Vorschläge umgesetzt würden?

Madsen: Ich weiß nicht. Wir würden mit großer Sorge den Bauprozess verfolgen und sehen, was es kostet und vielleicht denken, daß es besser wäre, damit neue Projekte zu machen. Es wäre lustig das zu sehen, aber es wäre auch widersprüchlich.

Willms: Ich könnte mir vorstellen, daß ihr es nicht mögen würdet. Weil es dann vielleicht wirklich ein traditioneller, an den Ort gebundener Wert wird.

Plate: Dann bekommt es die Funktion, keine Funktion zu haben. Dann gibt man Leuten, die hart an dem Ort arbeiten, einen Platz zur Reproduktion und dann geht’s zurück zur Arbeit. Es ist schwer sich vorzustellen, daß ein Ort in der Weise nichtfunktional bleibt, wie ihr das eingangs beschrieben habt, wenn er Teil einer funktionstüchtigen Gegend wird.

Madsen: Wir müßten wahrscheinlich entweder überhaupt keine Regeln oder aber Regeln für alles, für die Bauweise, für die Funktion etc. aufstellen. Diese Projekte wurden eher entwickelt, um z. B. Stadtplaner und Architekten dazu zu bringen, sich zu befragen.

Willms: Es ist kaum möglich, daß etwas nicht definiert ist, solche nicht definierten Orte soll es nicht geben.

Plate: Die Frage ist doch aber eher, ob es möglich ist, solche Orte zu planen.

Madsen: Ich glaube nicht, daß das möglich ist.

Haarmann: Ihr werdet aber das gesammelte Material teilweise dafür benutzen ein Modell zu bauen?

Madsen: Ja, das hier drüben ist ein Anfang.


Verschriftlichung & Übersetztung Jelka Plate


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